TL;DR. Am 12. Oktober hat Anthropics Frontier Red Team eine Studie veröffentlicht, die eine unbequeme Frage stellt: Kann sich ein kleines, frei verfügbares KI-Modell selbst auf billige Geräte kopieren, ganz ohne Rechenzentrum? Noch nicht ganz. Aber ein Modell mit 9 Milliarden Parametern brachte sich auf 8 von 9 Gerätetypen selbst zum Laufen, und in einem vereinfachten Testnetz verbreitete sich ein offenes Modell in 4 von 5 Läufen auf alle 8 Rechner. Anthropic erwartet, dass kleine Modelle diese Stufe bis Ende 2026 erreichen. Damit rückt eine alte Frage nach vorn: Welche billigen Geräte hängen in Ihrem Netz, und wer pflegt sie?
Was Anthropic getestet hat
Damit sich ein Modell selbst verbreitet, muss es vier Dinge können: Ziele finden, Zugang bekommen, sich auf dem fremden Gerät zum Laufen bringen und von dort weiterziehen. Den Einbruch hielt das Team bewusst einfach. Untersucht hat es vor allem den dritten Schritt, an dem kleine Modelle bisher scheitern: auf unbekannter Hardware die passende Software zusammenzusuchen und einen KI-Dienst einzurichten. Die Ergebnisse laut Anthropics Bericht:
- Fast überall lauffähig. Das offene Modell Qwen3.5-9B richtete auf 8 von 9 Gerätetypen selbst einen KI-Dienst ein, vom Bastelrechner Jetson Nano bis zum Mac.
- 15 TV-Boxen als ein Rechner. Ein größeres Modell mit 26 Milliarden Parametern lief verteilt auf 15 No-Name-Android-TV-Boxen zu je rund 55 Dollar mit je 4 GB Speicher.
- Die ganze Kette im Testnetz. In einem abgeschotteten Netz aus 8 Cloud-Rechnern mit nachgebildetem Android schaffte nur das Modell GLM-5.2 alles allein: in 4 von 5 Läufen alle 8 Rechner, im fünften 7.
Testnetz mit 8 Rechnern, 5 Läufe mit GLM-5.2
Rechner vom Modell übernommennicht erreicht
Dazu lernen die Modelle mit. Bekam Qwen3.5-9B die Notizen früherer Versuche, stieg seine Erfolgsquote beim Einrichten von 45 % im ersten Durchgang auf 61 bis 84 % in späteren.
Das Kleingedruckte
- Der Einbruch war geschenkt. Die Testgeräte hatten einen offenen Wartungszugang ohne Passwort. Anthropic nennt die Ergebnisse deshalb selbst eine Obergrenze.
- Groß genug und klein genug passen noch nicht zusammen. GLM-5.2 schafft die Kette, ist aber zu groß für eine TV-Box. Die Modelle, die hineinpassen, machen beim Verketten der Schritte noch Fehler. Anthropics eigener Satz dazu: „We don’t yet have a full rogue replicator.“
- Es ist langsam. Auf der Leistung von TV-Boxen bräuchte ein einziger Kopiervorgang hochgerechnet 28 bis 51 Stunden mit dem 9-Milliarden-Modell und 71 bis 150 Stunden mit dem 26-Milliarden-Modell. Ein Schwarm aus zwei Millionen Boxen, so groß war das Botnetz Kimwolf, käme zusammen auf die Rechenleistung von etwa 40 Grafikkarten vom Typ H100.
- „Ende 2026“ ist eine Hochrechnung aus dem bisherigen Leistungszuwachs kleiner offener Modelle, keine Beobachtung. Auch BleepingComputer betont: Ein selbstständiger KI-Wurm auf echten Geräten wurde nicht gezeigt.
Ein Kopiervorgang auf TV-Box-Leistung, hochgerechnet
Warum es trotzdem zählt
Langsam heißt nicht harmlos. Anthropic vergleicht so einen Schwarm mit einem Schleimpilz: Er wächst über Tage, und es gibt keinen zentralen Schalter, an dem man ihn abstellen kann. Klassische Botnetze sind auf bestimmte Geräte zugeschnitten. Ein Modell, das sich seine Software selbst zusammensucht, ist das nicht. Als mögliche Ziele nennt die Studie Smart-TVs, Kameras und Konferenzsysteme mit eingebautem KI-Chip sowie die Netzwerkspeicher kleiner Firmen, die schon heute bei Erpressern beliebt sind.
Am 13. Oktober haben außerdem mehr als 400 Forschende, darunter Geoffrey Hinton, in einem offenen Brief gefordert, Modelle mit Angriffsfähigkeiten standardmäßig vom Internet zu trennen und jeden Ausbruch aus einer Testumgebung an eine internationale Stelle zu melden.
Was das für einen Mittelständler heißt
Das Gerät aus dem Test steht in vielen Betrieben schon: die günstige Android-Box am Bildschirm im Empfang, in der Kantine oder im Besprechungsraum. Das BSI leitet seit Oktober 2024 den Verkehr infizierter Geräte dieser Art auf eigene Server um und zählt mit. Im August 2026 gehörten dort 55,3 % der infizierten Anschlüsse zu einem einzigen Botnetz: BadBox. Die Schadsoftware steckt ab Werk in der Firmware von Android-Geräten wie Mediaplayern und digitalen Bilderrahmen und war laut BSI in allen bekannten Fällen schon beim Kauf drauf.
Infizierte Anschlüsse in Deutschland, August 2026
BadBox, ab Werk auf Android-Gerätenalle übrigen beobachteten Botnetze, 44,7 %
Die gute Nachricht steht in Anthropics Studie selbst: Ein KI-Schwarm wäre laut. Modelldateien von mehreren Gigabyte, dauernder Verkehr von Gerät zu Gerät und Suchläufe durchs Netz fallen auf, wenn jemand hinschaut. Beim Botnetz Mirai bekam ein Provider 92 % der Infektionen binnen 14 Tagen weg, weil er befallene Kunden isolierte und benachrichtigte. Ohne Benachrichtigung waren es 74 %.
Wer selbst vernetzte Produkte baut, hat seit dem 11. September 2026 eine Pflicht mehr: Nach dem EU Cyber Resilience Act müssen Hersteller aktiv ausgenutzte Schwachstellen melden, die erste Warnung binnen 24 Stunden. Die übrigen Pflichten, etwa der Umgang mit Schwachstellen über die ganze Lebensdauer eines Produkts, gelten ab dem 11. Dezember 2027.
Was Sie jetzt tun sollten
- Geräte zählen. Listen Sie alles auf, was im Firmennetz hängt und kein Arbeitsrechner ist: TV-Boxen, Kameras, Konferenzsysteme, Netzwerkspeicher, Drucker, Steuerungen. Betroffene Geräte rät das BSI vom Internet zu trennen oder nicht weiter zu benutzen.
- Geräte abschotten. Solche Geräte gehören in ein eigenes Netz, ohne Zugriff auf Server und ohne Verbindung untereinander. Ändern Sie Standardpasswörter und schließen Sie offene Wartungszugänge.
- Auf Auffälligkeiten achten. Lassen Sie sich von Firewall oder Router melden, wenn ein Gerät plötzlich Gigabytes lädt oder andere Geräte im Netz abfragt. Genau daran wäre ein KI-Schwarm zu erkennen.
- Beim Einkauf nach Updates fragen. Kaufen Sie vernetzte Geräte nur mit zugesagten Sicherheitsupdates, und lassen Sie sich den Zeitraum schriftlich geben.
- Als Hersteller den Meldeweg klären. Wenn Ihre Maschinen oder Produkte vernetzt sind: Wer meldet eine ausgenutzte Lücke binnen 24 Stunden, und wo?
Die Studie zeigt noch keinen Angreifer, sondern eine Richtung. Die Vorsorge dagegen ist alt und unspektakulär, und sie hilft gegen die Botnetze von heute genauso. Wenn Sie Ihre Geräteliste einmal mit jemandem durchgehen wollen, sprechen Sie uns gern an.