TL;DR
- Figure 02 läuft seit August 2024 in der BMW-Fabrik Spartanburg im Produktivbetrieb mit — keine Demo mehr. Aber: kein lieferfähiges Standardprodukt für deutsche Werkshallen 2026.
- Wichtiger als die Hardware ist Helix, Figures vertikal integriertes Vision-Language-Action-Modell mit Zero-Shot-Generalisation und Multi-Robot-Koordination.
- Offen bleiben Feinmotorik, Akku-Realität, Stundenkosten und CE-Zertifizierung für freie Bewegung in Hallen mit Mitarbeitern.
- Die operative Frage ist nicht „Humanoide ja oder nein", sondern: Welche Prozesse sind so sauber dokumentiert, dass ein Onboarding-Lauf 2028 in Wochen statt Monaten gelingt?
Figure AI — die nüchterne Faktenlage
Im Februar 2024 nahm ein humanoider Roboter in einem Video aus Sunnyvale einen Apfel vom Tisch, reichte ihn an einen Menschen und erklärte den Vorgang in vollständigen Sätzen — Figure 01. 16 Monate später läuft die zweite Generation in der BMW-Fabrik Spartanburg im Produktivbetrieb mit. Damit wird die Frage für jeden deutschen Fertiger relevant: Was ist heute schon belastbar?
Figure AI wurde 2022 von Brett Adcock (zuvor Archer Aviation, Vettery) in Sunnyvale gegründet.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Bewertung (Series C, Feb 2025) | 39,5 Mrd. USD |
| Gesamtfinanzierung | ca. 1,5 Mrd. USD |
| Lead-Investoren | Microsoft, NVIDIA, Jeff Bezos, Intel Capital, Parkway Venture |
| Mitarbeiter | ca. 350 |
| Hardware | Figure 01 (Demo), Figure 02 (Pilot), Figure 03 (in Vorbereitung) |
| AI-Modell | Helix (vertikal integriert, seit Februar 2025) |
Bemerkenswert: Die OpenAI-Kooperation, mit der Figure 01 sprechen und situativ reagieren konnte, wurde Anfang 2025 beendet. Adcock begründete den Schritt mit einem internen „major breakthrough" — Figure entwickelt das Vision-Language-Action-Modell Helix jetzt vollständig in-house.
Was Figure 02 kann — und was nicht
Figure 02 ist seit August 2024 das aktuelle Hardware-Modell: 1,68 m, 70 kg, 20 kg Nutzlast, 5 Stunden Akkulaufzeit, 16 Freiheitsgrade in der Hand, sechs RGB-Kameras, NVIDIA-Compute on-board.
Was in der BMW-Spartanburg-Linie (X3-Karosseriebau) funktioniert:
- Aufnehmen und Einsetzen von Blechteilen in Karosserie-Vorrichtungen
- Wiederholgenaue Bewegungen über mehrere Stunden
- Autonome Navigation zwischen Stationen
- Selbstständiges Erkennen von Fehlpositionen
Was noch nicht belastbar nachgewiesen ist:
- Greifkraft und Feinmotorik: Aufgaben mit Gewinden, deformierbaren Teilen und Kabeln bleiben unzuverlässig.
- Akku-Realität: Bei 5 Stunden braucht der Roboter Wechselbatterie-Logik oder Hot-Swap-Stationen, sonst ist eine 3-Schicht-Linie nicht abgedeckt.
- Stundenkosten: Die kommunizierten 12–20 USD/Stunde inkl. Wartung sind Zielwerte; reale Pilotanlagen liegen heute zwischen 40 und 80 USD/Stunde.
- Zertifizierung: Eine vollwertige CE-Zertifizierung nach ISO/TS 15066 für freie Bewegung in einer Halle mit Mitarbeitern existiert für keinen Anbieter.
Helix — warum das Modell wichtiger ist als die Hardware
Helix ist Figures Vision-Language-Action-Modell. Es nimmt Kamera-Bilder und Sprachbefehle als Input und gibt direkt Gelenk-Steuerbefehle mit 200 Hz aus. Zwei Eigenschaften sind operativ relevant:
- Zero-Shot-Generalisation: Ein zweiter Roboter, der dasselbe Modell lädt, übernimmt eine neue Aufgabe ohne erneutes Training.
- Multi-Robot-Koordination: Zwei Helix-Instanzen teilen denselben latenten Raum — der konzeptionelle Unterschied zu klassischen Industrierobotern.
Adcock formuliert die Strategie so: Figure baue keinen Roboter, sondern ein Foundation-Modell, das in jedem Körper läuft. Für deutsche Fertiger heißt das: Die Investition liegt nicht mehr im Programmieren einzelner Zellen, sondern im Bereitstellen sauberer, demonstrierbarer Arbeitsabläufe.
Konkrete Use-Cases im Mittelstand
Vier Anwendungsfelder leiten sich aus den heutigen Helix-Fähigkeiten ab:
- Werkzeug-/Vorrichtungsbau: Bestücken von Spannvorrichtungen mit Rohlingen unter 5 kg. Realistisch ab 2027 in seriellen Mittelständen.
- Kommissionierung: Picking aus 60–80 SKU-Behältern in der Vormontage. Konkurrenz: AMR plus Cobot-Zellen.
- Modul-Montage: Einsetzen vormontierter Baugruppen in größere Geräte (MedTech-Tischgeräte mit 8–15 Komponenten). Technisch zeigbar, die Zertifizierung für Medizinprodukte-Produktion ist offen.
- Qualitätskontrolle: Sichtprüfung mit Re-Positionierung. 6-Achs-Cobots mit guten Kameras lösen 80 % der Fälle billiger.
Was Geschäftsführung jetzt entscheiden muss
Für einen Fertiger sind drei Dinge in den nächsten 18 Monaten zu klären:
- Pilot-Bereitschaft prüfen, nicht Bestellung. Figure und Wettbewerber (Apptronik, 1X, Sanctuary, Agility) platzieren 2027–2028 erste DACH-Pilotinstallationen außerhalb der Automobil-OEMs.
- Tarif- und Mitbestimmungsfragen vorab klären. Humanoide werden anders wahrgenommen als Cobots — Betriebsrat und IG Metall gehören 2026 eingebunden.
- Förderkulisse beobachten. BMWK und KfW evaluieren, ob Humanoide unter „Robotik" oder „KI-Anwendung" fallen — das entscheidet über 30–50 % Förderquote.
Anti-Hype-Fazit
Figure AI ist 2026 kein Marketing-Wirbel mehr, aber auch kein lieferfähiges Standardprodukt. Die operative Frage ist nicht „Humanoide ja oder nein", sondern: Welche meiner Prozesse sind so sauber dokumentiert, dass ich 2028 einen Helix-basierten Onboarding-Lauf in vier Wochen statt vier Monaten abschließen kann?
Wer diese Vorarbeit jetzt macht, kauft sich nicht den Roboter, sondern die Optionalität. Genau diese Vorarbeit — Prozess-Mapping, AI-Readiness, Investitions-Roadmap — ist der Bereich, in dem Azena Geschäftsführungen begleitet: nicht als Hype-Übersetzer, sondern als Architekt für die Umgebung, in der diese Systeme später produktiv laufen.
Stand Mai 2026.
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