TL;DR
- Update Juli 2026: Der VDA hat am 1. Juli ISA2027 veröffentlicht — Nachfolger von ISA 6.0.3, verbindlich für Assessments, die ab dem 1. Januar 2027 beauftragt werden. Gleichzeitig stellt TISAX auf jährliche, jahresbasierte Katalog-Versionen um.
- TISAX-Re-Zertifizierung verbrennt 180–320 Senior-Security-Stunden — 60–70 % davon mechanisches Evidence-Mapping zwischen VDA-ISA-Klausel und ISMS-Artefakten.
- Ein KI-Assistent reduziert den Aufwand um 50–60 % durch semantisches Mapping, Gap-Analyse und Audit-Trail-Konsolidierung — die Bewertung bleibt beim Information Security Officer.
- Modellrechnung für einen MSP: AL-3-Re-Zertifizierung in 6 statt 14 Wochen, rund 60 % weniger interne Senior-Stunden, 14 zusätzlich lückenlos dokumentierte Klauseln.
Was TISAX 2026 wirklich verlangt
Der VDA-ISA-Katalog 6.0.3 ist die Grundlage jedes 2026 beauftragten TISAX-Audits (ab 2027 löst ihn ISA2027 ab — dazu unten). Das Informationssicherheits-Modul umfasst rund 45 Controls — von IS-Policies über Asset-Management bis Prototypenschutz. Die Vertraulichkeits-Label heißen seit ISA 6 Confidential und Strictly Confidential; die alten „Info High / Info Very High"-Label hat ENX automatisch migriert.

TISAX ist kein eigenes Kontroll-Framework, sondern ein automotive-spezifischer Reifegrad-Test auf einem ISO-27001-nahen Set, mit drei klar definierten Assurance-Leveln.
Wer Daten von OEMs verarbeitet, kommt um die Anerkennung im ENX-Portal nicht herum. Audit-Provider sind akkreditiert (TÜV, DEKRA, DQS u.a.), die Zertifikate haben drei Jahre Laufzeit. Es gibt drei Assurance-Level:
| Level | Trigger | Typischer Aufwand intern |
|---|---|---|
| AL 1 | Selbsteinschätzung, geringe Schutzbedarfe | 40–80 Std. |
| AL 2 | Standard, hoher Schutzbedarf | 120–200 Std. + 8–12 Audit-Tage |
| AL 3 | Sehr hoher Schutzbedarf (Prototypen-Daten) | 200–400 Std. + 15–25 Audit-Tage |
AL 3 ist der harte Fall. Wer als Tier-1 oder Tier-2 mit BMW-, VW- oder Mercedes-Pre-Series-Daten arbeitet, kommt darunter nicht weg.
Update Juli 2026: ISA2027 ist veröffentlicht
Am 1. Juli 2026 hat der VDA — pünktlich zum zehnjährigen TISAX-Jubiläum — den Nachfolgekatalog ISA2027 veröffentlicht und dabei die Versionslogik umgestellt: Statt fortlaufender Nummern (5.1, 6.0, 6.0.3) trägt der Katalog künftig das Jahr seiner Wirksamkeit. Ein „ISA 7" wird es nie geben; stattdessen erscheint jeden Sommer eine neue Jahresversion, die zum 1. Januar des Folgejahres verbindlich wird — ISA2028 folgt im Sommer 2027.

Was das konkret bedeutet:
- Beauftragung entscheidet. Assessments, die noch 2026 beauftragt werden, laufen weiter gegen ISA 6.0.3. Wer ab dem 1. Januar 2027 beauftragt, wird gegen ISA2027 geprüft.
- Keine Panik bei bestehenden Labels. Labels behalten ihre volle Laufzeit von bis zu drei Jahren — der neue Katalog erzwingt kein vorgezogenes Re-Assessment. Regulär überspringt ein Teilnehmer künftig sogar mehrere ISA-Generationen zwischen zwei Zertifizierungen.
- Prototypenschutz komplett restrukturiert. Mehrere Kontrollbereiche wurden zusammengeführt; neu ist die Anforderung einer nachvollziehbaren Verfolgung von Fahrzeugen, Komponenten und Teilen über den Lebenszyklus. Für AL-3-Kandidaten ist das die größte inhaltliche Baustelle.
- Referenzen modernisiert. ISA2027 mappt auf NIST CSF 2.0 und ISO/IEC 27001:2022; sämtliche Verweise auf die 2013er-ISO-Norm sind entfernt. Dazu kommen erweiterte Anforderungen an das Lieferanten-Monitoring bei hohem Schutzbedarf und präzisere Definitionen (u.a. „Project", „Event", „Incident"; Führungskräfte sind jetzt explizit Zielgruppe der Awareness-Trainings).
In Berater-Blogs kursieren bereits Detailzahlen („43 aktualisierte Controls", mehrere Should-zu-Must-Anhebungen). Verlässliche Quelle ist allein das offizielle ISA2027-Workbook im ENX-Download-Bereich — wer seine Control-Mappings umstellt, arbeitet gegen das Workbook, nicht gegen Blog-Zusammenfassungen.
Für die Audit-Vorbereitung ist der Jahresrhythmus die eigentliche Nachricht: Die Gap-Analyse zwischen Katalogversionen, bisher alle zwei bis drei Jahre fällig, wird zur jährlich wiederkehrenden Aufgabe — und damit genau der Typ strukturierter Fleißarbeit, den ein Document-Intelligence-Assistent vorbereiten kann, bevor ein Mensch bewertet.
Wo der Aufwand sitzt — vier Engpässe
- Evidence-Mapping VDA-ISA gegen ISMS. Die Klauseln sind nicht 1:1 deckungsgleich mit ISO-27001-Annex-A; eine Klausel wie 1.2.3 „Information Security Risk Management" referenziert typischerweise 3–6 ISMS-Dokumente. Ein Senior Information Security Officer verbringt 45–80 Stunden allein damit, für jede der rund 45 Controls die richtigen Dokumente und Abschnitte zu identifizieren — bevor ein Audit-Tag beginnt.
- Gap-Analyse zwischen ISA-Versionen. Der Sprung von 5.1 auf 6.0 brachte einen komplett überarbeiteten Datenschutz-Katalog, deutlich mehr Gewicht auf Verfügbarkeit (IT und OT), Incident- und Krisenmanagement sowie neue Referenzen auf ISO/IEC 27001:2022. Die manuelle Gap-Analyse kostet 30–50 Senior-Stunden, selbst bei sauber gepflegtem ISMS — und mit dem neuen Jahresrhythmus (ISA2027, ISA2028, …) wird aus der Einmal-Übung eine wiederkehrende Pflicht.
- Audit-Trail-Konsolidierung über drei Jahre. Auditoren wollen kontinuierliche Wirksamkeit sehen: Logs, Reviews, Test-Reports, Penetration-Tests, Awareness-Schulungen. In der Praxis liegen diese Artefakte verteilt in SharePoint, Confluence, Jira und Mailboxen — sie zusammenzuführen ist die undankbarste Aufgabe.
Nachweise konsolidieren
- Prototypenschutz (nur AL 3). Klauseln 8.1–8.5 prüfen physikalische und logische Schutzmaßnahmen für Pre-Series-Daten — Zutritts-Konzepte, Bauteil-Lager, Foto-Verbote, Test-Stände. Diese Evidenz muss erst dokumentierbar gemacht werden.
Wie der Assistent arbeitet
Der Assistent ist eine deterministische Pipeline mit drei KI-gestützten Stufen. Keine LLM-Halluzination im Compliance-Pfad — jede Aussage trägt Quellverweis und Confidence-Score.
- Korpus-Ingestion. Alle Quellen werden inkrementell indexiert: SharePoint, Confluence, File-Shares, ITSM-Tickets, Penetration-Test-Reports. Die Pipeline erkennt Versionen und Reviews automatisch.
- Semantisches Klausel-Mapping. Für jede Control matched der Assistent Top-5 Evidence-Kandidaten mit Confidence-Score. Der Information Security Officer akzeptiert, korrigiert oder ergänzt; Bestätigtes geht in die Evidence-Matrix.
- Gap-Analyse und Auditor-Pack. Wo keine ausreichende Evidenz gefunden wird, generiert der Assistent konkrete Lückenbeschreibungen und Mitigations-Empfehlungen. Das Auditor-Pack liegt im ENX-konformen Format vor.
Zahlen aus einer MSP-Modellrechnung
Eine Modellrechnung für einen MSP mit rund 18 Automotive-Tier-1-Kunden, der eine AL-3-Re-Zertifizierung nach AL-2-Erst-Zertifizierung vor sich hat.
| Kennzahl | Manuell (Basis) | Mit Assistent | Delta |
|---|---|---|---|
| Vorbereitungszeit Audit-Pack | 14 Wochen | 6 Wochen | −57 % |
| Senior-ISO-Stunden | 280 Std. | 115 Std. | −59 % |
| Controls mit lückenloser Evidence-Kette | 29 / 45 | 43 / 45 | +14 Controls |
| Audit-Findings (Major) | 3 (erwartet) | 0 | – |
Die wichtigste Zahl ist nicht die Zeitersparnis, sondern die 14 zusätzlich dokumentierten Controls — der Unterschied zwischen AL 2 und AL 3.
Das wiederkehrende Muster in AL-3-Vorbereitungen: Die Re-Zertifizierung wäre auch ohne KI zu schaffen — aber nicht in einem Quartal, nicht ohne externe Berater und mit mehr offenen Punkten im Tracker.
ISO 27001:2022 als Unterbau — und die abgelaufene 2013er-Brücke
Ein zertifiziertes ISMS nach ISO/IEC 27001 ist die beste Vorleistung für das TISAX-IS-Modul: Es deckt grob 70–80 % der Anforderungen ab. Jede ISA-Control trägt im offiziellen Workbook eine Mapping-Spalte („Reference to other standards") auf die 27001:2022 — das ist die Arbeitsgrundlage für jedes Evidence-Mapping. Drei Dinge liegen aber außerhalb der ISO-Welt und müssen separat aufgebaut werden: der Prototypenschutz, der Großteil des Datenschutz-Moduls und das TISAX-eigene Reifegradmodell, das nicht nur Existenz, sondern gelebte Wirksamkeit jeder Maßnahme mit Evidenz belegt sehen will.
Seit dem 31. Oktober 2025 gibt es dabei eine harte Kante: Alle nach der alten ISO 27001:2013 ausgestellten Zertifikate sind ungültig — unabhängig vom aufgedruckten Ablaufdatum. Ein Transition-Audit ist nicht mehr möglich; wer die Umstellung verpasst hat, durchläuft die Rezertifizierung als Neukunde (volles Stage 1 + Stage 2). Für TISAX heißt das praktisch: Ein 2013er-Zertifikat trägt als Evidenz nichts mehr. ISA2027 zieht die Konsequenz und entfernt sämtliche 2013er-Verweise aus dem Katalog.
NIS2 kommt obendrauf — einmal bauen, zweimal verwerten
Seit dem 6. Dezember 2025 ist das deutsche NIS2-Umsetzungsgesetz (NIS2UmsuCG) in Kraft — ohne Übergangsfrist für die Sicherheitsmaßnahmen. Betroffen sind nicht nur KRITIS-Betreiber, sondern Unternehmen ab 50 Mitarbeitenden oder 10 Mio. € Umsatz in den erfassten Sektoren — damit praktisch die gesamte Automotive-Zulieferkette, die ohnehin TISAX-pflichtig ist.
Die gute Nachricht: Die Anforderungsprofile überlappen stark. Wer ein TISAX-taugliches ISMS betreibt, hat die technisch-organisatorischen NIS2-Pflichten weitgehend adressiert — Risikomanagement, TOMs, Business-Continuity- und Incident-Prozesse lassen sich mit denselben Evidenzen belegen. Einmal sauber aufgebaut, zweimal verwertet. Was TISAX nicht abdeckt: die Registrierung beim BSI, die nationalen Meldepflichten mit ihren Fristen und die persönliche Geschäftsleitungshaftung — das sind NIS2-eigene Pflichten, die zusätzlich organisiert werden müssen. Eine Detailanalyse der Umsetzungsrealität steht in unserem Beitrag zur NIS2-Compliance 2026.
Werkzeug-Landschaft und die ehrliche KI-Einordnung
GRC-Plattformen mit TISAX-Modul und KI-Versprechen gibt es 2026 reichlich — Kopexa, ISMS.online, Secfix oder Vanta werben mit automatisiertem Evidence-Mapping und Katalog-Abdeckung. Die ehrliche Einordnung: Diese Nutzenversprechen sind bislang Vendor-Claims. Eine unabhängige Wirksamkeitsstudie speziell zu LLM-gestützter TISAX-Vorbereitung existiert nicht — das ist eine echte Forschungslücke, und wer anderes behauptet, verkauft.
Belastbar begründen lässt sich der KI-Einsatz für drei Aufgabentypen: Evidence-Retrieval über verstreute Quellen (SharePoint, Confluence, Ticketsysteme, Mailboxen), Gap-Analyse zwischen Control-Anforderung und vorhandenen Nachweisen und die Konsistenz- und Vollständigkeitsprüfung des Evidence-Packs vor der Abgabe. Nicht KI-fähig bleiben Reifegrad-Urteil und Auditor-Gespräch. Und weil eine falsch zugeordnete Evidenz im Audit teurer ist als eine fehlende, gilt für jede maschinelle Zuordnung: Quellverweis, Confidence-Score, menschliche Bestätigung — genau deshalb ist der oben beschriebene Assistent als Vorschlagssystem gebaut, nicht als Autopilot. Wie ein solches Gate-Design generell aussieht, zeigt unser Beitrag zur internen Audit-Automatisierung.
FAQ: Die häufigsten Fragen zum TISAX-Audit
Wer braucht TISAX überhaupt? Jedes Unternehmen, das im Auftrag von OEMs oder Tier-1-Zulieferern Informationen mit Schutzbedarf verarbeitet — von CAD-Daten über Projektunterlagen bis Prototypen. TISAX ist kein Gesetz, sondern wird vertraglich gefordert; ohne gültiges Label im ENX-Portal vergeben viele OEMs schlicht keine Aufträge mehr.
Wie lange ist ein TISAX-Label gültig? Drei Jahre ab Ausstellung. Der neue Jahresrhythmus der ISA-Kataloge ändert daran nichts — geprüft wird gegen die Version, die bei Beauftragung des Assessments verbindlich war.
Ab wann gilt ISA2027? Für alle Assessments, die ab dem 1. Januar 2027 beauftragt werden. Beauftragungen bis Ende 2026 laufen gegen ISA 6.0.3. Bestehende Labels behalten ihre Restlaufzeit.
Ersetzt ein ISO-27001-Zertifikat das TISAX-Assessment? Nein. Es ist die beste Vorleistung (grob 70–80 % des IS-Moduls), aber Reifegradmodell, Prototypenschutz und Datenschutz-Modul prüft nur TISAX. Seit dem 31. Oktober 2025 zählt zudem nur noch ein gültiges 27001:2022-Zertifikat als Evidenz.
Wie lange dauert ein TISAX-Audit? Eine offizielle ENX-Statistik gibt es nicht. Erfahrungswerte aus Auditoren-Veröffentlichungen: AL 2 etwa 2–3 Prüftage je Standort (remote als Plausibilitätsprüfung), AL 3 etwa 3–5 Prüftage vor Ort — plus mehrere Monate Vorbereitung. Um berichtete OEM-Fristen (etwa die Stellantis-Rezertifizierung zum 30.09.2026) verknappen sich Auditoren-Slots erfahrungsgemäß.
Was hat NIS2 mit TISAX zu tun? Starker Überlapp bei den technisch-organisatorischen Maßnahmen — dieselben ISMS-Evidenzen tragen beide Rahmen. NIS2-spezifisch bleiben BSI-Registrierung, Meldepflichten und Geschäftsleitungshaftung.
Was bleibt menschlich
- Risikobewertung und Akzeptanz-Entscheidung. Ob ein Restrisiko akzeptabel ist, entscheidet der Information Security Officer — die KI liefert Optionen, kein Urteil.
- Auditor-Kommunikation. Wer dem Auditor erklärt, warum eine Klausel anders interpretiert wird als im ISA-Kommentar, braucht Senior-Standing und Branchenkenntnis.
- Mitarbeiter-Awareness. Awareness-Klauseln werden durch gelebte Praxis erfüllt, nicht durch Dokumente. Hier hilft der Assistent nur bei der Dokumentation.
- Physische Sicherheit (AL 3). Prototypenschutz und Zutritts-Konzepte erfordern eine Vor-Ort-Auditierung. Der Assistent strukturiert die Evidenz, ersetzt aber keine Begehung.
Einordnung für den GF-Tisch
TISAX-Re-Zertifizierung ist kein Strategie-Projekt — sie ist Lizenz zum Operieren im Automotive-Sektor. Wer verzögert oder im AL-3-Audit durchfällt, verliert OEM-Aufträge. Der Hebel des Assistenten ist doppelt: er senkt die Vorbereitungskosten messbar und erhöht die Chance auf eine saubere Zertifizierung im höheren Assurance-Level. Wer 2026/27 eine Re-Zertifizierung vor sich hat, holt mit einem 6-Wochen-Build die Hälfte der internen Senior-Stunden zurück und schließt den Zyklus mit entspannterer Maßnahmenliste ab.
Erstveröffentlichung Mai 2026, umfassend aktualisiert am 17. Juli 2026 (ISA2027-Release, ISO-27001-Übergangsende, NIS2UmsuCG). TISAX, ENX und VDA-ISA sind Marken der ENX Association bzw. des VDA.
Weiterführend im Themenfeld: Ticket-Routing: Wo der MSP-Hebel sitzt und NIS2-Compliance für IT-Service-Provider.
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